Hallo ihr,
stelle mal Teile meiner heutigen Mail an meine grosse kleinste Schwester hier hinein, geschrieben gestern abend:
Wir hatten hier gerade mal wieder Maedchenauflauf in unserer Flat. Nosiphiwo, Vuyokazi und Joyce haben sich die Freiheit genommen, die Regel des Hauses, dass Kinder in der Volunteersflat nicht erlaubt sind, zu ignorieren. Ehrlich gesagt scheissen wir aber auch auf die Regel. Es ist zwischendrin echt ganz schoen, den Kindern hier ein paar Bilder auf dem Laptop zu zeigen oder einfach nur mal die Eindruecke eines Volunteersleben hier erfassen lassen. Sie geniessen es auch. Willem, unser kleinster und daher groesster Schatz habe ich mir heute auch gekrallt. Der hat dann etwas Gurke abbekommen, fand er klasse, Kaese auch, konnte er nicht so richtig was mit anfangen – kennt er wohl noch nicht und Marmelade stand auch noch auf dem Fruehstueckstisch,da durfte er dann auch einmal naschen. Er grabscht auch mittlerweile nicht mehr nach allem, was ihm in die Finger kommen kann, sondern benimmt sich ein wenig besser. Dennoch hatte er wieder die Schuhe auf dem Sofa, dass war dann nicht okay und wird ihm dann nochmal erklaert, Antwort ist ein langegezogenes „ Yeessssss“. Er lernt sehr gut. Mark hat ihn auch sehr, sehr gern. Seit Judith weg ist haben wir beide uns ihm noch mehr angenommen, zuvor war er doch sehr von Judith eingenommen. Er wusste das auch, hat Judith mal ins Ohr gefluestert „Schudi love Willem!“ Der ist ein kluges Kerlchen. Er fragt jetzt nicht mehr nach ihr. In den ersten Tagen nachdem Schudi losgereist ist war er immer noch felsenfest ueberzeugt, dass sie nur mal eben im Office war, wenn er fragte. Da konnte man ihm erklaeren: “No, Willem, Schudi ist back to Germany“, die Antwort war: „ Noooo, Schudi office!“
Und was mag der kleine Mann meine Kamera! Der versteht nur das Prinzip und die Funktionsweise noch nicht so ganz und wundert sich dann, wenn auf dem Foto nur ein kleiner Finger zu sehen ist oder man ihn anschwaerzt, weil er seine fettigen Finger doch bitte nicht auf die Linse patschen solle. Aber wenn dann mal ein Bild funktioniert – oefters mal nicht von ihm geschossen, dann reisst er die Augen auf, wenn er ihn erblickt, den anderen: „Willem!“ in der Kamera und freut sich riesig, dass da noch ein anderer Willem ist, in meiner Kamera.
Die Maedels haben dann unsere Flat erobert, weil sie es verstehen, nicht aufzugeben.Zudem wissen sie wahrscheinlich auch, dass es jetzt im Winter immer gut ist, in der Tuer stehen zu bleiben – bis man dann endlich von den entnervten Volunteers reingebeten wird, um wenigstens die Kaelte, wenn schon nicht die Kinder, draussen zu halten. Nosiphiwo gibt nicht auf: „I want orange!“, Vuyokazi lacht ueber die Bilder, die ihr Mark zeigt und Joyce findet es garnicht gut, dass sie von Marlin angemacht wird, weil die Muetze, die er ihr unfreiwillig seit Tagen leiht, jetzt auch noch blaue Flecken hat. „I will wash it!“ Dann zeigt Mark auch noch ein Bild, dass Marlin und Judith frierend unter einer Decke auf dem Sofa zeigt. So was sollte er besser nicht gemacht haben. Jetzt gehen die Spekulationen und Lachereien auf Xhosa los. Damit kann man sich ja lange beschaeftigen. Nach 10 Minuten sollen die Maedels dann doch echt mal wieder gehen. Mark und Wiebke wollen ja auch ins Haus um die Kinder ins Bett zu bringen. Sieht nur keiner der drei ein, so das dann unter viel Gelaechter die Maedels aus dem Raum geschoben werden, Joyce brauch dabei noch eine kleine Dusche mit Wasser, entgegen der Androhung wollte sie sich ja nicht vom Sofa erheben. Mit nassem Kopf sitzt sie dann anschliessend beleidigt auf der Tuerschwelle, eigentlich will sie aber nur Aufmerksamkeit und merken, dass man sie furchtbar gerne hat. Das faellt Marlin nicht schwer. Fuenf Minuten spaeter huepft auch sie dann unter patzigem Gezicke auf Xhosa, von dem man ja leider nur wenig versteht, zurueck ins Haus.
So, und danach habe ich angefangen, diese Mail zu schreiben.
Habe heute meinen zweiten Tag in Folge frei. Gestern waren wir allerdings in Kwa-Ndzame und haben Klamotten verkauft, Klamotten, die in der Garage als Ersatzboxen fuer die Kinder gesammelt waren. Da Dianne ja jetzt hier mit dem Haus aufhoert wollte sie die noch loswerden und hat uns gebeten, dass zu machen. So mussten wir dann gestern frueh morgens aufstehen, der Payout in Kwa-Ndzame stand an. Das ist ein Tag im Monat, wo die Leute in dem Bereich der Stadt die Sozialleistungen ausgezahlt bekommen. Und das wollten wir uns zu Nutze machen, um guenstig ein bisschen Klamotten anzubieten. Leider war es nicht sonderlich geschaeftig dort und wir haben nur die ersten paar Studnen wirklich was zu tun gehabt und R700 eingenommen. Es war sehr, sehr kalt und trotzdem hat es uns glaub ich allen einen Heidenspass gemacht. Es ist ja schon besonders anders, wie hier eingekauft wird. Wir haben die Sachen einfach auf mehreren Haufen auf einigen Decken verteilt und die Leute haben darin rumgewuehlt und hatten ihren Spass damit. Und dann sind die auch gar nciht schlecht im Verhandeln, sondern ziemlich beharrlich. Da hilft es auch nicht, dass man daran errinert, dass das Geld ja nur fuer die Kinder in unserem Haus aufgewendet wird, die kaempfen um jeden Rand.
Abends gaanz spaet, eigentlich eher heute, hat uns dann Stephanie fuer einige Tage verlassen, sie kommt aber bald nochmal fuer einige Tage wieder. Stephanie, 21, ist aus Amerika und studiert gerade Psychologie fuer ein Jahr in Port Elizabeth. Die letzte zwei Wochen war sie dann hier um mal ein wenig was Volunteerarbeti hier auch noch kennenzulernen. Ich merke ja direkt, dass ich erstmal Vorbehalte habe gegen Amerikaner, die aber furchtbarer Quatsch sind, zumindest zum Teil, zum Teil auch nicht. So haben wir dann immer wieder unsere ganz speziellen: „Ach, ja, ihr Amerikaner! Was soll das denn jetzt wieder heissen, wir Amerikaner?!“-Diskussionen. Sie ist sehr nett und wir kommen alle gut mit ihr aus. Ich hab sie dann gestern noch zum Bus gebracht um halb drei Uhr in der Nacht. Es war furchtbar kalt. Ausserdem haben wir gestern „Juno“ geguckt, ein toller Film.
Ansonsten passiert hier zur Zeit nicht so viel, was man erwaehnen muss. Wir haben tolle Tage, wie den letzten Samstag, wir haben aber auch Tage, wo es mal anstrengend, bizar oder einfach nur nicht aufregend ist. Der letzte Samstag war echt toll, weil wir nochmal mit den Kindern Stockbrot gemacht hatten und sie alle toll drauf waren, was gerade in letzter Zeit nicht immer so war. Die Anspannung, die hier viele der Kinder ob ihrer Zukunft erfasst, ist schon manchmal zu spueren. Es muss aber auch furchtbar sein, wenn man keine Ahnung hat, wo man in einem Monat morgens aufwacht, ob man noch in Middelburg ist und seine Schulfreunde sieht oder vielleicht selbst das nicht mehr garantiert ist. Bei einigen Kindern ist das so, da koennte es tatsaechlich sein, dass sie zu Bekannten in andere Staedte geschickt werden. So etwas furchtbares. Ich koennte jedes Mal heulen, wenn ich nur darueber nachdenke. Da waechst man in einem Umfeld auf, dass keinerlei Sicherheitsgefuehl und nur wenig Geborgenheit zulaesst, in dem die Langeweile und der Frust der Eltern der eigene Alltag ist, kommt in ein Kinderheim, zu dem man muehsam erstmal gute Beziehungen aufbaut, weil es eine andere Lebensweise beinhaltet und unterstuetzt und wird dann im Endeffekt doch wieder nur weiterversetzt, weil kein Geld mehr da ist, weil aber auch einfach viel zu viel Unfaehigkeit, zu viel Unwissen, zu viel Verdruss in den Leuten steckt unter denen man aufwaechst. Keine Seele ist hier beheimatet, die sich wirklich aufbaeumt, kein Kampf gegen das Elend ist zu spueren oder wenn, dann wird er von der fehlenden Unterstuetzung durch finanzielle Mittel, von der Huelle der Misere, die die ganze Stadt umgibt und die man spuert, und von einer Armut, die zur Ausbeutung verfuehrt, als Keimling schon kaputtgetreten.
Am schlimmsten ist aber doch echt, dass wir mit wenigen Mitteln, die wir aufbringen muessen, hier immer noch so viel helfen koennen. Im kleinsten – aber auch mit kleinsten Mitteln. 5€ sind hier ganze R60, damit hat man schon ein Hunderstel zusammen von dem Geld, was man hier fuer einen Monat fuer die Nahrung im Haus ausgibt. Und das spenden dann monatlich viele der aufgeweckten Familien, die wir in D so haben, und das Heim hier muesste nicht reihenweise Kindern eine ungewisse und oftmals miserable Zukunft in Aussicht stellen. Ganz ehrlich: Was wird denn mit den Kindern passieren, die in halbwegs die gleichen Verhaeltnisse zurueckgehen, wie aus welchen sie gekommen sind. Und das als Halberwachsene nun, die ihr Leben in die Hand nehmen sollen. Da hilft das wenige, was man denen an anderen Ideen, an Ambition vielleicht beigebracht hat, nicht. Middelburg wird keine Generation erhalten, in der einige der Frustrationsgrube „township“ enteilen und es besser machen. Viele werden denselben Weg gehen wie ihre Eltern.
Es ist zum kotzen, wenn ich an unsere tollen Lebensvorstellungen in D, unsere heilen Welten dort, denke, die im Vergleich so viel bietet und trotzdem heult jeder rum und fuehlt sich, als koennte er es sich nicht erlauben, demuetig dem Schicksal gegenueber ein wenig etwas zu geben an Menschen, die nicht das selbe Glueck hatten. Unsere Probleme gleichen denen eines Symphonieorchesters, dem die 8. Geige wegen Krankheit fehlt gegen die, die man hier erlebt.
Marlin



Hey Bruder!!!!
Hoert sich interessant und erschreckend an was du so schreibst habe echt grossen Respekt davor was du alles leistest auch wenn es nicht genug sein kann.
Habe gerade meinen Flug zurueck gewechselt, trudel am 14. September 6 am in der Heimat ein. Schau mal auf unseren Blog was wir noch so erlebt haben du wirst es nicht glauben. Freu mich auf dich bis bald.!!!!!